Suhl Schrumpfstadt klingt im ersten Moment wie ein nüchternes Etikett, doch hinter dem Begriff verbirgt sich eine Stadt, die mit Verlusten ringt und gleichzeitig neue Chancen sucht. Wer Suhl heute besucht, spürt den Wandel in jeder Straße und in jedem abgerissenen Gebäude. Geschichten wie die von Matthias Kade zeigen, wie tief dieser Wandel in den Alltag eingreift. Und doch entsteht gerade daraus eine überraschende Kraft, die den Blick auf die Zukunft verändert.
Die Realität hinter dem Begriff Suhl Schrumpfstadt
Matthias Kade lebt seit Jahrzehnten auf dem Ziegenberg. Er kennt jede Kurve, jeden Hang und erinnert sich lebhaft an Wintertage, an denen er mit dem Schlitten die steilen Abfahrten hinunterrutschte. Heute steht er vor seiner schummrigen Wohnwand, stützt die Hände in die Hüften und schaut auf den Fernseher, in dem ein verschneiter Schwarzwald vorbeizieht. Der Kontrast zwischen Erinnerung und Gegenwart trifft ihn jedes Mal neu. Im Viertel, in dem einst Geschäfte, Praxen, Kitas und Gaststätten pulsierendes Leben versprachen, herrscht nun stille Leere.
Viele dieser Orte existieren nicht mehr. Die Tafel, bei der Kade sich engagiert, verschwand eine Zeit lang völlig, weil Räume fehlten. Die vertrauten Nachbarn sind weggezogen oder verstorben. Er bleibt trotzdem. Der Gedanke, woanders neu anzufangen, fühlt sich für ihn fremd an. Noch immer lebt er im hufeisenförmigen Wohnkomplex an der Kleinen Beerbergstraße, einem der letzten Zeugen des einst ambitionierten Projekts „Suhl-Nord“.
In den 70er- und 80er-Jahren boomte Suhl. Die Stadt wuchs, Häuser entstanden im Rekordtempo, und das politische Ziel einer modernen Bezirkshauptstadt schien greifbar. Doch mit der Wende brach das industrielle Rückgrat weg. Fabriken schlossen, Ausbildungsstätten verschwanden, und ganze Berufsgruppen verloren ihre Perspektiven. Die Menschen gingen. Von 56.000 Einwohnern 1990 blieben 2024 nur noch rund 34.700. Es ist ein Rückgang, der keine vergleichbare Stadt in Deutschland so hart traf. Zugleich stieg der Altersdurchschnitt auf fast 52 Jahre.
Wie der jahrzehntelange Wandel die Stadt geprägt hat
Zwei Jahrzehnte lang fraßen Abrissbagger sich durch Suhl-Nord. Wo einst Plattenbauten blockweise standen, zieht sich heute eine Mischung aus Brachflächen und Reststrukturen durch das Gebiet. Der Abriss verschlang hohe Summen, während die Stadt weiter rote Zahlen schrieb. Der Gebäudekomplex, in dem Kade wohnt, wirkt wie ein letzter Beobachtungsposten über einer Landschaft, die sich fast unmerklich zurückgezogen hat. Er fühlt sich oft wie der Hüter einer Erinnerung, die nur noch wenige teilen.
Kades Alltag zeigt, wie greifbar der Wandel bleibt. Die Fassadensanierung, versprochen seit Jahren, lässt weiter auf sich warten. Viele Häuserzeilen wirken müde, als hätten sie den langen Rückzug körperlich gespürt. Kade merkt es an Kleinigkeiten im Umfeld. An der steigenden Stille. An den Freunden, die er verabschieden musste. Manche hofften früher auf das große Glück im Westen, andere ist er zu oft auf den Friedhöfen besuchen gegangen. Er spricht darüber ruhig, doch man hört die Müdigkeit zwischen den Zeilen.
Die kulturelle Landschaft Suhls trägt dieselben Spuren. Was früher für Publikum aus halb Mitteldeutschland attraktiv war – Philharmonie, große Diskotheken, regelmäßige Veranstaltungen – brach nach und nach weg. In den 90ern entstand ein Vakuum, das die Stadt bis heute herausfordert. Hendrik Neukirchner, Journalist und Kulturmacher, wollte das nicht hinnehmen. Er rief 2001 das Festival „Provinzschrei“ ins Leben und gründete den Verein „Provinzkultur“. Seitdem stemmen er und seine Mitstreiter Dutzende Veranstaltungen pro Jahr, ziehen Künstler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an und halten das kulturelle Herz der Region am Schlagen.
Neukirchner glaubt an die Zukunft. Er sieht das Schrumpfen nicht nur als Verlust, sondern als Prozess, der Raum schafft. Weniger Menschen bedeuten weniger Druck. Weniger Flächen bedeuten neue Möglichkeiten. Aus seiner Sicht kann sich Suhl wieder fangen, vielleicht sogar neu definieren. Und genau dort beginnt die Idee eines „gesunden Schrumpfens“.
Neue Ideen, neue Räume und der lange Atem einer Region
Die Stadtverwaltung verfolgt eine ähnliche Linie. Stadtplanerin Adriane Winkler erklärt, wie Suhl-Nord zu einem Forschungs- und Wirtschaftsstandort werden soll. Ein Areal von 24 Hektar wird künftig der nachhaltigen Holzwirtschaft gewidmet. Die Kooperation mit der Fachhochschule Erfurt soll junge Menschen anziehen, neue Unternehmen schaffen und langfristig die Wirtschaftskraft stärken. Der Wandel vom Wohngebiet zum Technologie-Cluster zeigt, wie sehr Suhl seine Richtung ändert.
Diese Vision geht weit über einen Ersatz für abgerissene Platten hinaus. Sie steht für eine neue Phase, die Perspektive und Struktur weckt. Ein Forschungspark für erneuerbare Energien ist geplant, Photovoltaikflächen sollen hinzukommen, und Ansiedlungen von Betrieben werden vorbereitet. Man möchte nicht länger nur reagieren, sondern gestalten. Genau dort taucht der zweite Einsatz des Keywords wieder auf, diesmal als Teil einer Zwischenüberschrift.
Sport spielt ebenfalls eine Rolle im Wandel. Der Stadtsportbund zählt überraschend viele Mitglieder. Über 23 Prozent der Einwohner sind engagiert – ein Wert, der in Thüringen weit oben liegt. Solche Zahlen zeigen, dass Bindung wirkt, wenn Angebote attraktiv bleiben. Projekte wie die Umgestaltung von Suhl-Nord oder Veranstaltungen wie der „Provinzschrei“ haben bereits sichtbare Effekte. Junge Menschen kommen zunehmend zurück, oft nach dem Studium. Für eine Stadt mit schwieriger demografischer Lage ist das ein kostbares Signal.
Auch neue Bewohner finden ihren Weg nach Suhl. Anita Gossow zog aus dem Raum Stuttgart hierher, angelockt von niedrigen Mieten und der Nähe zur Natur. Sie fand im letzten großen Plattenbau eine großzügige Wohnung, die sie sich im Westen kaum hätte leisten können. Heute arbeitet sie als Busfahrerin und fühlt sich in der Nachbarschaft angekommen. Für sie ist Suhl kein Ort des Rückzugs, sondern ein Ort des Ankommens.
Was der Wandel für die Zukunft bedeutet
Der letzte Bewohner einer Plattenzeile, der seine Wohnung nur gegen eine teurere im Tal tauschen könnte, mag den Veränderungsdruck noch am stärksten spüren. Doch Suhl entwickelt sich trotz allem weiter. Die Stadt wird zum Labor für altersgerechtes Wohnen. Immer mehr Menschen jenseits der 65 prägen die Struktur, und die Verwaltung arbeitet an Konzepten, die Wege verkürzen und Wohnraum sinnvoll verteilen sollen. Modelle wie ein Leerstandskataster sollen helfen, Einfamilienhäuser gezielt Familien zuzuführen und ältere Bewohner näher ans Zentrum zu bringen.
Dass Misstrauen diesem Ansatz begegnet, ist verständlich. Wohnraum ist Identität. Doch Winkler betont, dass es nicht darum geht, Menschen etwas wegzunehmen. Ihr Ziel ist Vernetzung, nicht Verdrängung. Die Transformation soll der Stadt helfen, eine Zukunft zu gestalten, die tragfähig bleibt.
Am Ende liegt genau darin die Essenz: Suhl Schrumpfstadt erzählt nicht nur von Rückzug, sondern von Neuanfang. Wer genau hinsieht, erkennt, wie viel Kraft in diesem Prozess steckt. Die Stadt verliert Menschen, doch sie gewinnt Ideen. Sie verliert Strukturen, doch sie baut neue. Sie verliert Tempo, doch sie gewinnt Richtung. Und genau das macht sie zu einem Ort, der vielleicht langsamer geworden ist, dafür aber bewusster lebt.


