Die Beziehung zu den Enkelkindern ist für viele Eltern ein Herzenswunsch – Nähe, Unterstützung, echte Verbindung. Doch in manchen Familien knirscht es, wenn Oma und Opa plötzlich eigene Prioritäten setzen. Der Friseurtermin kommt dann vor dem Besuch bei den Enkeln. Was macht das mit den Eltern? Und wie verändert es den Blick auf die Großelternrolle?
Eltern hoffen oft auf enge Bande und Hilfe durch die Großeltern, doch manchmal zerplatzen diese Erwartungen schneller, als sie entstanden sind.
Erwartungen an Großeltern: Nähe, Hilfe, Herz
Katja Weber hatte alles im Griff – fast. Ihr Mann musste beruflich verreisen, sie stand mitten im Stress. Zwei Kinder, ein Vollzeitjob, Meetings, Wäscheberge, Abendessen. Also schrieb sie ihrer Mutter, Wochen im Voraus. Nicht fordernd, eher liebevoll. Sie fragte, ob sie für ein paar Tage kommen könne, einfach helfen, präsent sein.
Die Antwort war ein Schulterzucken per WhatsApp. Die Mutter habe Friseur, Yoga und Theater geplant. Keine Zeit. Kein Angebot, den Besuch zu verschieben. Keine Rückfrage, ob es doch wichtig sei. Für Katja war das ein Stich ins Herz.
Viele Eltern erleben genau das. Die Beziehung zu den Enkelkindern ist nicht so eng, wie sie sich das vorstellen. Großeltern wollen nicht mehr rund um die Uhr verfügbar sein. Sie leben aktiver, freier, selbstbestimmter – und manchmal emotional weiter entfernt.
Beziehung zu den Enkelkindern: Wunsch und Wirklichkeit
Die Vorstellung, wie Großeltern sein sollten, sitzt tief. Warmherzig. Spontan hilfsbereit. Mit Plätzchenduft und offenen Armen. Doch immer mehr Eltern berichten von einer anderen Realität:
- Die Großeltern reisen lieber, als zu babysitten.
- Ein Wochenendbesuch wird zur logistischen Meisterleistung.
- Telefonate werden schnell beendet, weil gerade „etwas ansteht“.
Das führt zu Frust – auf beiden Seiten. Denn während die Eltern hoffen, dass ihre Kinder eine liebevolle Beziehung zu den Enkelkindern aufbauen können, fühlen sich die Großeltern oft unter Druck gesetzt. „Wir haben euch doch ins Leben begleitet“, heißt es dann oft. Oder: „Wir sind nicht eure Ersatzbetreuung.“
Der Generationswechsel spielt dabei eine Rolle. Die heutige Großeltern-Generation ist fitter, mobiler, individueller. Sie tanzt Zumba, fliegt nach Marrakesch, macht Online-Kurse. Das ist bewundernswert – aber es bringt ein Dilemma mit sich. Denn emotionale Verfügbarkeit lässt sich nicht über Zoom nachholen.
Wenn Hilfe fehlt: Was das im Alltag verändert
Für viele Familien ist das Fehlen aktiver Großeltern keine Kleinigkeit. Es ist eine Belastung – organisatorisch, emotional, finanziell. Ohne Oma, die einspringt, wenn ein Kind krank wird. Und ohne Opa, der mit zum Fußballtraining fährt. Ohne diesen wertvollen Puffer zwischen Elternstress und Kinderbedürfnissen.
Und es geht um mehr als nur Entlastung. Es geht um Verbindung. Um Erinnerungen, Rituale, Geschichten. Kinder, die bei Oma Apfelkuchen backen, fühlen sich eingebettet. Geliebt. Gehört. Fehlt diese Nähe, entsteht Leere. Dann spüren Eltern: Da fehlt ein Stück Familie. Der Alltag wird enger. Die emotionale Last ist größer.
Natürlich muss niemand seine Freizeit opfern. Doch wer sich für die Rolle als Großelternteil entscheidet, übernimmt auch Verantwortung. Nicht im Sinne eines Dienstplans – sondern als Teil eines Miteinanders.
Beziehung zu den Enkelkindern braucht echte Präsenz
Es gibt Großeltern, die alles geben. Die mit auf dem Boden sitzen und LEGO bauen. Und die babysitten, ohne dass man betteln muss. Die sich an Geburtstage erinnern, zum Laternenumzug kommen, Fotos einrahmen. Und es gibt jene, die auf Distanz bleiben – aus Angst vor Einmischung oder wegen eigener Grenzen.
Beides ist legitim. Doch das Mittelmaß fehlt oft. Die Kommunikation. Der offene Austausch über Erwartungen, Möglichkeiten, Wünsche. Viele Konflikte entstehen nicht, weil jemand nicht will – sondern weil nie klar gesagt wurde, was gebraucht wird.
Hier lohnt es sich, ehrlich zu sein. Zu fragen: Was können wir erwarten – und was nicht? Was möchten die Großeltern geben? Was wünschen sich die Eltern wirklich?
Ein gutes Gespräch kann Wunder wirken. Vielleicht geht es gar nicht um fünf Tage Betreuung, sondern um drei Stunden ungeteilte Aufmerksamkeit. Um das Vorlesen am Telefon. Ein aufrichtiges „Ihr seid in meinen Gedanken“.
Und manchmal hilft es, eigene Vorstellungen loszulassen. Nicht jede Oma ist die Märchenoma. Nicht jeder Opa will angeln gehen. Die Beziehung zu den Enkelkindern muss nicht perfekt sein – aber sie sollte spürbar sein.
Fazit: Nähe entsteht nicht von selbst
Die Beziehung zu den Enkelkindern entwickelt sich nicht durch Blutsverwandtschaft allein. Sie wächst durch gemeinsame Zeit, durch Interesse, durch Anteilnahme. Wer will, dass die Verbindung bleibt, muss sie pflegen. Wie eine Freundschaft. Wie eine Partnerschaft.
Großeltern müssen nicht ihre Freizeit opfern – aber sie können zeigen, dass ihre Familie Priorität hat. Auch wenn das Friseurdatum im Kalender steht. Wer einmal einen Termin verschiebt, kann ein ganzes Kinderherz gewinnen.
Und Eltern? Dürfen auch mal enttäuscht sein. Aber sie sollten nicht schweigen. Wer Wünsche nicht äußert, darf sich über enttäuschte Erwartungen nicht wundern.
Denn am Ende geht es nicht um Perfektion – sondern um Nähe. Um kleine Gesten mit großer Wirkung. Um Liebe, die sichtbar wird. Und um Kinder, die spüren: Da sind Menschen, die sich wirklich für mich interessieren.


