Jedes Jahr zum TÜV: Die EU hat verfügt

TÜV jährlich

TÜV jährlich – dieser Vorschlag der EU-Kommission hat in Deutschland einen Sturm ausgelöst. Was bisher alle zwei Jahre Routine war, könnte bald zur jährlichen Pflicht werden. Millionen Autofahrer reiben sich verwundert die Augen und fragen sich, ob sie bald doppelt zahlen müssen. Was steckt wirklich hinter dem Plan, der Werkstätten freuen, aber viele Fahrer wütend machen dürfte?

Warum die EU überhaupt über den jährlichen TÜV nachdenkt

Die Idee kam nicht aus dem Nichts. In vielen europäischen Ländern gibt es längst strengere Prüfintervalle, besonders bei älteren Autos. Spanien zum Beispiel verlangt bei Fahrzeugen ab zehn Jahren eine jährliche Hauptuntersuchung. Laut EU-Kommission ein Erfolgsmodell: Dort sank die Zahl der Verkehrstoten seit Einführung der Regelung um über 40 Prozent. Das klingt eindrucksvoll – und es liefert der Kommission ein starkes Argument.

Denn die Zahlen aus Deutschland sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache. Über 22 Millionen Hauptuntersuchungen wurden 2024 durchgeführt. Fast die Hälfte aller geprüften Fahrzeuge war zehn Jahre oder älter. Und bei diesen fanden die Prüfer in mehr als der Hälfte der Fälle Mängel – teils gravierende. Bremsscheiben, Achsen, Fahrwerk – alles Teile, bei denen man lieber keine Überraschungen erlebt. Je älter ein Auto, desto höher das Risiko, dass etwas nicht stimmt. Für die EU ist das Beleg genug: Mehr Kontrollen bedeuten mehr Sicherheit auf Europas Straßen.

Gleichzeitig will Brüssel die Messverfahren verschärfen. Feinstaub, Stickoxide, Abgaswerte – nach dem Dieselgate ist das Thema sensibler denn je. Viele Fahrzeuge, die auf dem Papier sauber erscheinen, stoßen in der Realität deutlich mehr Schadstoffe aus. Eine jährliche Kontrolle könnte diese Diskrepanz verkleinern. Und natürlich: Auch Werkstätten und Prüfstellen hätten gut zu tun.

TÜV jährlich: Chance für mehr Sicherheit oder teurer Bürokratie-Marathon?

In Deutschland ist die Skepsis groß. Der ADAC, der Auto Club Europa (ACE) und auch viele Politiker warnen vor einer unnötigen Belastung der Bürger. Rund 150 Euro kostet eine Hauptuntersuchung derzeit – wer künftig jedes Jahr antreten muss, zahlt also doppelt. Bei 48 Millionen zugelassenen Pkw in Deutschland wäre das ein Milliardenmarkt. Kein Wunder, dass Autofahrer wenig begeistert reagieren.

Hinzu kommt der Zeitfaktor. Für viele ist der TÜV ein lästiger Pflichttermin, kein Erlebnis. Werkstatttermine, Prüfplakette, vielleicht noch eine Nachuntersuchung – all das frisst Stunden, oft mitten in der Arbeitswoche. Die Vorstellung, das künftig jedes Jahr zu durchlaufen, löst kaum Freude aus.

Doch es gibt auch Stimmen, die sagen: „Der Aufwand lohnt sich.“ Sicherheit dürfe keine Frage des Geldes sein. Wer regelmäßig prüfe, verhindere teure Folgeschäden und rette im Zweifel Leben. Ein platter Reifen oder ein loser Querlenker könne dramatische Folgen haben. Zwischen diesen beiden Positionen – Kostenargument auf der einen, Sicherheitsappell auf der anderen – bewegt sich die Debatte.

Die EU-Kommission hatte ihren Vorschlag bereits konkret vorbereitet, inklusive neuer Prüfmethoden und Messgrenzen. Doch kurz bevor die Entscheidung fiel, traten die Verkehrsminister der Mitgliedsstaaten auf die Bremse. Zu teuer, zu bürokratisch, zu wenig Akzeptanz. Besonders aus Deutschland kam Widerstand.

Deutschland blockt – vorerst

Es war Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP), der in Brüssel deutlich machte: Deutschland werde der Reform in dieser Form nicht zustimmen. Die derzeitigen Intervalle hätten sich bewährt. Statt TÜV jährlich soll es also beim bisherigen Rhythmus bleiben – alle zwei Jahre. Wissing sprach von „Verhältnismäßigkeit“ und warnte vor einer Überregulierung.

Hinter den Kulissen dürfte aber auch ein finanzielles Motiv stecken. Denn mehr Prüfungen bedeuten nicht nur mehr Kosten für Bürger, sondern auch zusätzlichen Verwaltungsaufwand für Behörden und Prüforganisationen. Das bestehende System sei ausgelastet, eine Verdopplung der Termine schwer zu stemmen.

Spanien zeigt allerdings, dass es auch anders geht. Dort kostet die Hauptuntersuchung im Schnitt nur rund 40 Euro. Der Staat legt Gebühren und Standards zentral fest, wodurch der Preis niedrig bleibt. In Deutschland regelt das jede Prüforganisation selbst. Und so variiert die Gebühr – mal 120, mal 160 Euro. Die EU könnte also nicht nur an der Häufigkeit, sondern auch an der Preisgestaltung ansetzen.

Viele Experten halten die deutsche Haltung für kurzsichtig. Wer alte Autos länger auf der Straße lässt, riskiert steigende Unfallzahlen und mehr Schadstoffausstoß. Die technische Entwicklung sorge zwar für langlebigere Fahrzeuge, aber nicht automatisch für bessere Wartung. Gerade Vielfahrer schieben den TÜV-Termin gern hinaus, bis es gar nicht mehr anders geht.

Was das alles für Autofahrer bedeutet

Vorerst bleibt alles beim Alten. Die EU hat den Vorschlag auf Eis gelegt, aber nicht aufgehoben. In Brüssel heißt es, man wolle „nachbessern“ und die Reform in angepasster Form später erneut vorlegen. Für Autofahrer bedeutet das: keine jährliche Pflicht – zumindest noch nicht. Doch die Diskussion ist damit nicht beendet.

Die Idee vom TÜV jährlich wird in den nächsten Jahren sicher wieder auf dem Tisch liegen. Denn die Argumente für mehr Kontrolle verschwinden nicht einfach. Alte Fahrzeuge, mehr Mängel, steigende Umweltbelastung – das bleibt Realität. Gleichzeitig verschärfen immer mehr Länder ihre eigenen Regelungen. Frankreich prüft schon, ob ältere Diesel-Fahrzeuge künftig alle zwölf Monate vorgestellt werden müssen.

Auch Versicherer schauen genau hin. Für sie sind regelmäßige Prüfungen ein Risikofaktor – weniger Mängel bedeuten weniger Schadensfälle. Manche Experten halten es sogar für denkbar, dass Versicherungen künftig Rabatte gewähren, wenn ein Fahrzeug jährlich geprüft wird. Klingt nach Zukunftsmusik, ist aber in Branchenkreisen längst Thema.

Und dann ist da noch der psychologische Effekt: Ein Auto, das jedes Jahr zum TÜV muss, wird automatisch besser gewartet. Fahrer achten mehr auf Öl, Reifen und Bremsen, wenn der Termin regelmäßig ansteht. In Zeiten steigender Unfallzahlen auf Landstraßen und immer dichterem Verkehr wäre das kein Nachteil.

Fazit: Der Streit um TÜV jährlich ist noch lange nicht beendet

Am Ende bleibt der Eindruck, dass die EU mit ihrem Vorstoß einen Nerv getroffen hat. Zwischen Sicherheit, Kosten und Bürokratie liegt ein schmaler Grat. Der Widerstand aus Deutschland hat das Projekt vorerst gestoppt, aber die Debatte wird weitergehen. Alte Autos, Umweltfragen und europäische Vereinheitlichung sind Themen, die nicht verschwinden.

Ob der jährliche TÜV wirklich kommt, ist offen. Doch die Richtung ist klar: Europa will strengere Kontrollen und mehr Verkehrssicherheit. Wenn Brüssel beim nächsten Versuch bessere Argumente liefert – etwa günstigere Prüfgebühren und weniger Papierkram – könnte sich die Stimmung drehen. Bis dahin gilt: zwei Jahre Ruhe, dann wieder Plakette. Und das mulmige Gefühl, dass der nächste Gang zur Prüfstelle vielleicht schon früher fällig sein könnte.

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